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"Axt ist der schönere Schmerz" - Niels

 

Die Holmgangstory

Kapitel 1: „Franziska“ ist schuld
Alles begann, als Lasse in Charlies Zimmer kam, an der Wand einige (Wurf)äxte entdeckte, und folgendes sagte: „Ah, eine Franziska!“ Und mit diesem Satz fängt unsere kleine, skurrile Geschichte an. Plötzlich beschlossen wir mit dem Schwertkampf anzufangen. Grundkenntnisse hatten wir keine. Kampfsporterfahrung auch nicht. Und die Szene war uns, bis auf ein paar Marktbesuche als Zivilisten, unbekannt. Nur ein paar Tage später hatten wir uns Kettenhemden gekauft, Rundschilde gebaut und prügelten am Großensee mit Knüppeln aufeinander ein, bis irgendwas am Körper oder an der Ausrüstung kaputtging. Wenige Wochen später, bei einer Reitvorführung, rutschte das Pferd beim berittenen Bogenschießen weg, und Lasse konnte gerade noch ein kleines Rundschild heben, um den Halsdurchschuß zu verhindern. Weil beide daraufhin lachen mußten, war klar, daß sich hier zwei Bekloppte gefunden hatten.
 


Kapitel 2: Japanische Schwertkampfkunst
Es blieb uns nichts anderes übrig, als das Rad neu zu erfinden, denn es gab deutschlandweit keine Kämpfer, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten. Nicht, daß es an selbsternannten Schwertkämpfern mangelte, die uns bereitwillig mit ihren Erkenntnissen überhäuften. Es war nur so, daß nichts von dem, was wir sahen, uns überzeugen konnte. Bei Demonstrationen japanischer Meister, die nicht selten ein so beträchtliches Alter erreicht hatten, daß man ihnen am liebsten das Schwert weggenommen und Krücken gereicht hätte, regten sich erste Zweifel an dem, was weitläufig unter dem Begriff Schwertkampf verstanden wurde. Unter realistischen Bedingungen hätten wir den ganzen Schwertkampfverein mit einem Tacker und einer Zahnbürste erledigen können und die Turnhalle mit dem Blut nerdiger Möchtegernjapaner getränkt. Chuck Norris wäre stolz auf uns gewesen.
 


Kapitel 3: Historisches Fechten
Dann entdeckten wir im Internet das historische Fechten und stießen auf bizarr schlechtgezeichnete Fechtbücher, in denen Captain Kirk im kevorkianischen Todeszirkel herumgockelte und mit Talhoffersocken auf Comicfiguren in Erdlöchern einschlug (das Manuskript gibt es wirklich). Wie sollten wir ahnen, daß es sich dabei um den Koran der historischen Fechter handelte. Bei der ersten Begegnung kam es dann zur Katastrophe. Die schwachsinnigen Pseudokrieger von Hammaborg, Arsgladi, der Fechtschule Ochs, usw. waren tatsächlich davon überzeugt, uns mit ihrem Herumgepimmel und Schwertballett schlagen zu können, aber als wir unsere Bedingungen diktierten, pißten sich alle gepflegt in die Hosen, und wir wurden von einem Tsunami an Ausreden überschwemmt. Dabei hatten wir ihre besten Fechtmeister nur zu einem Kampf mit voller Geschwindigkeit, 100% Wucht und allen Trefferzonen herausgefordert. Es war immer das Gleiche. Sie führten vor, was sie konnten, wir führten vor, wie wir kämpfen und sie packten ihre Sachen, und verschwanden ohne gegen uns gekämpft zu haben.


 
Kapitel 4: Die Wikingerszene
Und jetzt wird es wirklich schräg. Irgendwann knüpften wir Kontakte zur Wikiszene, und wurden zu einem Treffen eingeladen, wo „die härtesten Schwertkämpfer Deutschlands“ gegeneinander antraten. Das stimmte uns sehr nachdenklich, und wir trainierten so hart wie noch nie, um bei dem versprochenen Härtegrad bestehen zu können. Laut der unzähligen Forenberichte handelte es sich um eine Veranstaltung mit erfahrenen Kämpfern und einem krassen Kampfmodus, den es nirgends sonst gab.
Man darf nicht vergessen, daß es vor Holmgang Hamburg in Deutschland keinen Vollkontakt auf den Märkten und Mittelalterveranstaltungen gab. Somit wußten beide Parteien nicht, was auf sie zukommen sollte.


Fast ehrfürchtig (kein Scherz) fuhren wir nach Neustadt-Glewe. Wir fragten nach dem Veranstalter und wurden glatt hiphopmäßig von einem Wikinger angecoolt, der sich lässig auf einem Knie stütze und theatralisch an seiner Kippe zog, als fühlte er sich wie John Wayne höchstpersönlich. Er hat nicht mal auf unsere Frage geantwortet, sondern reckte sein Kinn lässig in die Richtung, in die wir zu gehen hatten.


Nochmals! Alles was hier geschrieben steht, ist ein Tatsachenbericht vom Wikingermarkt in Neustadt-Glewe. Die Intelligenzdeserteure der Wikiszene haben sich genauso verhalten, wie wir es hier beschreiben.


Dort fanden wir den Veranstalter, der sich mit Thorhall irgendwas vorstellte (wir nennen ihn seither Thorhall Doombringer). Es war so grotesk offensichtlich, daß dieser Typ im Reallife den langweiligsten Namen der Welt führte und sich mit einer nordischen Namensgebung aufzuwerten versuchte, und es fiel mir wirklich schwer mich nicht als Sven Skullcrusher oder LadyterminatorXXS vorzustellen. Liebe Leser, wenn ihr uns nicht glaubt, fahrt bitte nach Neustadt-Glewe und erlebt selber, was euch wie ein Märchen vorkommen muß. Es lohnt sich, wenn man auf schlechten Humor steht und sich gerne über Proletten lustig macht. Dieser Typ sprach mit einer lächerlich affektierten Stimme, die an eine böse Version des rauchigen Akzents von Louis Armstrong angelehnt war. Und so sprach er wortwörtlich (mit dem Rauch hunderter Schlachten im Atem): „Ihr wollt also mitmachen. Tja, wißt ihr... Es gibt Huscarl und es gibt Huscarl.“ Dann folgte so ein rambomäßiges Geschwafel in Zeitlupe und der Satz: „Entweder man kann fechten... oder man kann nicht fechten.“ Er zeigte uns noch seine jüngst errungenen Narbe am Kopf, erzählte irgendwelches Seemannsgarn, wie sie ihm beigebracht wurde (wahrscheinlich beim Essen, ohne den vom Psychiater verschriebenen Sicherheitskorken auf den Gabelzinken), und schon hatten wir uns für die Teilnahme qualifiziert.


Und so zogen wir an der Seite der „härtesten Schwertkämpfer Deutschlands“ in die Schlacht. Noch glaubten wir an eine Grenzerfahrung, aber schon nach den ersten Durchgängen entpuppte sich die Wikingerelite als adipöse Truppe sabbernder Alkoholiker, die an mangelnder Kondition und extremer Unfitness litt. Bevor die „Schlacht“ richtig in Fahrt kam, hatten schon alle Elitekrieger auf Schnappatmung umgestellt und schwitzten ihre Pheromone in die Atmosphäre. Sie schwitzten sogar über die Zunge. Dieses inszenierte Gemetzel wurde offensichtlich nur konzipiert, damit frustrierte Daddys am Wochenende den harten Krieger mimen konnten, während ihre fetten Eheweiber im Zeltlager standen und den ganzen Tag kalorienreiche Nahrung zubereiteten, damit auch der Rest der Familie bald Ausreden, wie „Das liegt nur an den Drüsen“ oder „Ich habe schwere Knochen“ benutzen mußten, um im Bus zum Arbeitsamt nicht ganz so dolle gehänselt zu werden. Zudem war alles verboten!!! Stiche zum Kopf, Schildkantenstöße, Bodenkampf, Wurfwaffen, Tritte und Schildbrecher waren strikt untersagt, womit der Kampfplatz zu einer Spielwiese für keuchende Nikotinsüchtige degradiert wurde, auf dem das armseligste Geplänkel der Geschichte stattfand. Nach zwei leichten Treffern mit einem Speerschaft hatte man larpmäßig seine beiden Lebenspunkte aufgebraucht und mußte einen mehr oder minder theatralischen Tod sterben, auf den ganz besonders Wert gelegt wurde. Für das Publikum war es eine wirklich gelungene Unterhaltung, aber aus der Sicht von Kampfsportlern waren diese selbsternannten Wikinger so hilflos wie Pottwale beim Bergsteigen.


Was uns der Thorhall Doombringer bei der Besprechung verschwiegen hatte (oder war es Satanic Necroslaughter666?), war die sogenannte Kuschelrunde am Ende einer jeden Schlacht, bei der die beiden „Heere“ aufeinander zurannten und sich im letzten Augenblick umarmten anstatt gegeneinander zu kämpfen. Ich konnte mein Schwert noch bremsen, aber Lasse hatte das Pech in den gegnerischen Schildwall zu krachen und seine Klinge mit voller Wucht auf einen Helm niederfahren zu lassen, womit er sich entgültig den Zorn der Wochenendlegolasse einhandelte. Der vollverblödete Thorhall Doombringer hatte es schlichtweg versäumt, uns über diese unwichtige Kleinigkeit zu informieren. Das zeigt mal wieder, daß sich Alkohol und Drogen nicht vertragen. Was für Looser. Da hätte eigentlich nur noch das traditionelle Gruppenonanieren am romanobritischen Lagerfeuer gefehlt.


Ein anderer, wichtiger Protagonist der Szene mit einem noch dämlicheren Wikingernamen als die andere Pussy, fragte uns am Abend, ob wir denn Gefallen an der Schlacht gefunden hätten. Meine Freundin antwortete mit den Worten: „Ich glaube die Jungs haben sich ein wenig mehr Action versprochen.“ Die Antwort kam prompt: „Dann seid ihr hier falsch!“ Und so entschwand er tödlich beleidigt und ließ uns stehen. Umgeben von den böse dreinschauenden Pseudowikingern, die von den Anstrengungen des Tages nach der Mundfäule eines Krokodilsüchtigen rochen, durften wir gehen.


Und das war die Geburtstunde von Holmgang Hamburg.


Und mal ehrlich Die Szene hat uns so was von verdient.
 


Kapitel 5: Der Erzfeind
Für diesen Tag wollten wir uns rächen. Und was benötigt ein richtiger Bösewicht? Genau, einen Erzfeind. Ohne einen richtigen Erzfeind ist man kein richtiger Bösewicht. Die Wahl fiel auf die weltgrößte Wikingerorganisation und deren Sektenführer Phil Burton. Leider verwechselten wir die Jomsvikings mit den Einwicschwuchteln, sonst hätten wir uns gleich den richtigen Odinfanclub vorgeknüpft. Aber egal. Es ist sowieso alles der gleiche Dreck. Wir erklärten ihnen kurzerhand den Krieg und forderten die Sektenführung zu einem Axtkampf ohne Regeln auf, so wie es unter Schwertkämpfern historischer Brauch ist.


Koksphil drohte uns mit seiner Bande von Rosettenschlemmern, insgesamt „400 Männer unter seinem Kommando, die allesamt über einen militärischen Hintergrund verfügten“ (anscheinend war damit Codex Belli gemeint), und „wir würden ab jetzt keine ruhige Minute mehr haben, denn in ganz Europa hätte er Leute unter seinem Kommando, die uns jederzeit aufsuchen konnten.“ Das sind tatsächlich Originalzitate. Wir kündigten sofort an das nächste Jomsitreffen anzufahren, als er wohl unser Bellivideo auf Youtube gesehen hat und uns panisch aufforderte „keine Schußwaffen mit aufs Gelände zu bringen.“ Wir brauchten eine Weile, um zu verstehen, daß er die Softairwaffe in unserem Satirevideo für eine echte Waffe gehalten hatte.


Wir fuhren nach Jork und bauten unser Lager mitten auf dem Jomswikingermarkt auf. Und plötzlich haben sich alle vor Angst in die Plunderhosen geschissen. Unsere Abordnung ging von Stand zu Stand, und wir forderten mehrmals täglich jedes einzelne Lager zu einem Axtkampf ohne Rüstung und Regeln auf. Da wurde es ganz still. Niemand traute sich.

 

Die Feigheit dieses verdreckten Packs war einfach widerlich! Abstoßend! Ekelhaft! Und plötzlich lachte nur noch das Holmganglager.


 
Kapitel 6: Vollkontakt. Ein Wort wie Pech und Schwefel.
Es kam zum Krieg, und aus allen Teilen der Welt rotteten sich die selbsternannten Schwertexperten zusammen, um uns zuzuspammen. Vollkontaktkämpfer wie wir waren so verhaßt, wie chinesische Krüppel in einem Vernichtungslager der Totenkopfdivision. Zuhause, aus  der sicheren Anonymität ihres Rechners heraus, waren sie die Helden auf den Onlineschlachtfeldern von Arsgladii.at, Huscarl.at, Mittelalter.de, Mittelalter.com, Tempus Vivit, usw., aber unsere Botschaft war unmißverständlich: Wer noch nie scharf gekämpft hatte, darf sich nicht als Schwertkämpfer bezeichnen. Unsere Regeln: keine Regeln aber volle Geschwindigkeit und 200% Wucht.


Es war schmerzhaft für die etablierten Vereine und alle selbsternannten Schwertmeister, aber eine Bande von pubertierenden Dadaisten hat in nur einem Jahr die gesamte Schwertkampfszene aufgemoscht und den Weg für den Vollkontaktschwertkampf in Deutschland geebnet. Übrigens ist nie ein historischer Fechter oder Elitekrieger der Wikiszene angetreten. Ausnahmslos alle Herausforderungen wurden mit Ausreden entschuldigt (inzwischen gibt es eine Top 10 der häufigsten Ausreden).


ACHTUNG!!! Vor uns gab es nicht ein einziges, offizielles Vollkontaktturnier in diesem Land. Wer das Gegenteil behauptet, soll uns gerne Youtubevideos zeigen, die vor unserer Gründung hochgeladen wurden (damals wußten wir noch nichts von den Veranstaltungen in Russland).


 
Kapitel 7: Valentin, Lac Plesis und der russische Vollkontakt
Eines Nachts, nach dem erfolgreichen Hochladen eines weiteren Videos, wurden wir auf dem Youtubekanal angeschrieben, ob wir nicht einen Moment für ein Gespräch hätten. Kurz darauf klingelte das Telefon, und eine Stimme mit russischem Akzent meldete sich mit den Worten: „Bis jetzt war ich der Dorn im Fleisch der historischen Fechter, aber ihr habt mir diesen Rang gerade abgelaufen.“ Diese Stimme gehörte Valentin alias Garin, der ein Turnier auf dem Tucher Spectaculum organisieren wollte. Leider fehlte es an Teilnehmern, und andere Vollkontaktgruppen konnten sich nicht aufraffen, um an dem ersten, inoffiziellen Vollkontaktturnier Deutschlands teilzunehmen. Wir übernahmen kurzerhand die Aufgabe alle zu Motivieren und in den Arsch zu treten, und so trafen sich Valentins Gruppe Adlerschlag, die Münsteraner von der Westfälischen Turniergemeinschaft, Lac Plesis, Aries Scutum und Holmgang Hamburg in Nürnberg. Das Turnier war ein voller Erfolg, aber schon an dem Tag der Abreise stritten sich alle Parteien um künftige Regeln und Ausrüstungsstandards. Valentin wollte auf Biegen und Brechen Turniere nach russischem Vorbild, was den Ausschluß aller frühmittelalterlichen Kämpfern bedeutet hätte. Während sich alle stritten, standen wir mit offenen Mündern daneben und fragten uns, wer ein Breitbandaggressivum ins Essen gemischt hatte.


Kapitel 8: Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS)
Der einzige Veranstalter, der den Mut hatte ein offizielles Vollkontaktturnier auf einem Markt mit mehreren tausend Gästen zu veranstalten, war Gisbert Hiller. Wir riefen ein Turnier und den ersten öffentlichen Buhurt in Deutschland aus. Kämpfer aus ganz Deutschland, Polen und Russland waren dabei, und der Vollkontakt war damit offiziell etabliert. Wir hätten ihn gleich fragen sollen.



Kapitel 9: Ziel erreicht und ein letzter Streit
Wir hatten unser Ziel erreicht. Im darauffolgenden Jahr organisierte Holmgang Hamburg einige Turniere, aber schon bald bahnte sich eine Spaltung zwischen den hochmittelalterlichen Kämpfern in Vollrüstung und den frühmittelalterlichen Kämpfer in leichter Rüstung an. Am Ende lag das Trefferverhältnis bei beschämenden 7:1. Wir hatten das Ausweichen und die Rundschildtechniken so perfektioniert, daß schwergerüstete Gegner immer öfter gefrustet waren und sich maßlos ärgerten, daß sie kaum oder nie treffen konnten. Nachdem wir die Westfälische Turniergesellschaft alias Lac Plesis ein Jahr lang durchgefüttert und in unserem Lager untergebracht haben, sorgte deren Mißmut über die unzähligen, verlorenen Kämpfe zur Trennung. Bis heute haben sie kein eigenes Lager und kaum genug Rüstung, um ihre wenigen Kämpfer vollständig einzukleiden. Aber ihr klägliches Streben hat dafür gesorgt, daß sie in der Deutschen Buhurtmannschaft beim Battle of Nations (BoN) in Russland teilnahmen. Allerdings wurden sie bereits in den Vorrunden deklassiert und waren bei den richtigen Kämpfen nur Zuschauer. Wir halten es für eine Schande, wenn Noobs, die uns nicht einmal treffen konnten, in den Farben der Deutschritter antreten und chancenlos abkacken. Aber who cares. Dort sind sowieso nur Kämpfer mit Rüstungen ab dem 14. Jhd. zugelassen. Sollen sie spielen und sich umschubsen. Bei uns wird gekämpft, nicht herumschwulettiert.


Seither haben wir vorerst beschlossen keine Turniere mehr zu organisieren und uns wieder den Anfängen zu widmen. Wir brachten den Vollkontakt nach Deutschland, und nun können wieder zu den Anfängen zurückkehren.

 


Wir sind ein Medieval Fight Club!

Wir kennen keine Regeln!

Wir sind Kämpfer! Was seid Ihr?