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Hollywood & Co.

Ein durchschnittlich gebildeter Mensch bezieht heute 90% seines Allgemeinwissens aus dem Fernsehen. Es geht sogar soweit, daß die Fehlinformationen durch Kinofilme und Fernsehdokumentationen die Wahrheit verdrängt und komplett ersetzt, denn niemand wird ihnen so ohne weiteres glauben, daß ein Ritter sehr agil ist und ohne fremde Hilfe sein Pferd besteigen kann (schwere Turnierrüstungen ausgenommen). Es wird ihnen auch niemand abnehmen, daß die Form eines Helmes, trotz geringer Materialstärke, zum Abgleiten des stärksten Bogenschusses führt. Nicht jeder Armbrustbolzen, der die Plattenpanzerung durchschlägt, schafft es auch durch die wattierte Unterbekleidung, und selbst mit dem schärften Katana der Welt ist es unmöglich ein Kettenhemd zu zerschneiden. Was dem Bürgerlichen die Bildzeitung ist, sind dem Halbwissenden die Fernsehdokumentationen. Ein typische Galileo-Sendung hat die Durchschlagskraft einer Waffe X zum Thema, doch leider erlaubt die Testanordnung keine Betrachtung von Faktoren, wie Beweglichkeit der Opponenten, Auftreffwinkel der Waffe und dem Verlust kinetischer Energie bei nachgiebigen Zielen. Rüstungen sollten nicht gegen den perfekten Beschuß aus der Orthogonalen oder den absolut geführten Treffer schützen, sondern die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen. Es ist beinahe unmöglich gegen die Flut an Fehlinformationen anzukommen, aber Holmgang Hamburg hat ein probates Mittel gegen Leute, deren Wohnzimmereinrichtung am Fernseher ausgerichtet ist und die bei der Wahl ihrer Programme darauf bestehen, beim Zuschauen dümmer zu werden. Holmgang-Satire erreicht sogar Sofazombies der Güteklasse „Fett, kein Hobby, alles finanziert“.

Leihen sie sich einen Film aus auf dessen Rückseite Kritiken, wie „bildgewaltiges Hollywoodepos“, „actiongeladen“, „von den Machern von...“ oder „Feuerwerk aus aufwendigen Special-Effects“ steht, und lernen sie diese „Werke“ als Antiwitz zu verstehen. Filme mit historischem Hintergrund eignen sich in diesem Fall besonders gut als nichtgewollte Slapstick-Produktionen, vor allem, wenn der Videoabend im Kreis von Geschichtskundigen stattfindet. Und damit wollen wir sie in die Geheimnisse der Hollywood-Mechanismen einführen. Die Phänomene von Actionfilmen der Gegenwart oder Science Fiction Soaps müssen wir vorerst auslassen, da dies den Rahmen sprengen würde.

 

Hier ist also eine Liste mit Dingen, die der Normalverbraucher von einem Film verlangt:

- Schwerter erzeugen immer ein metallisches Geräusch, wenn blankgezogen wird. Auch bei Leder- und Holzscheiden. In oscarreifen Produktionen wird auch gerne das Geräusch von Kettengerassel benutzt.

- Es wird grundsätzlich mit dem Endgegner geredet, bevor es zum Kampf kommt. Sprachbarrieren, Dialekte und der tosende Wasserfall im Hintergrund sind keine Hindernisse.

- Beim Tod eines Kameraden werden direkte Kampfhandlungen um die sterbende Person eingestellt und der Kampfeslärm tritt für die Dauer der letzten Worte in den Hintergrund.

- Sterbende Zeugen können sich stundenlang unterhalten. Erst wenn sie wichtige Details preisgeben sollen, tritt der Tod spontan ein.

- Der „Gute“ darf nach einem Duell den entwaffneten Bösewicht nicht einfach hinrichten. Sollte das Drehbuch den Tod des „Bösen“ vorsehen, muß dieser eine versteckte Waffe ziehen oder hinterrücks angreifen, damit der Held zur „Notwehr“ gezwungen wird.

- Helden verfallen während einer Schlacht häufig in eine galante Version des Berserkermodus und reihen sinnlose „Special-Moves“ aneinander, mit denen sie sich tänzerisch durch feindliche Linien schnetzeln. Gegner haben während der Dauer des elfischen Tötungstanzes nur einen einzigen Lebenspunkt. Die Rüstungsklasse wird ignoriert.

- Die Höhle oder der Turm des Widersachers hat nach beendeter Mission gefälligst einzustürzen. Sollte ein offenes Ende oder eine Fortsetzung geplant sein, wird der Bösewicht unter den Trümmern begraben. Eine Leiche darf unter keinen Umständen geborgen werden.

- Während einer Schlacht gibt es keine Verwundeten. Sie werden alle für die nächste, leidvolle Szene direkt ins Lazarett gebeamt.

- Wer sein Schwert während des Kampfes verliert, gewinnt am Ende. Meistens geschieht das durch einen schelmischen Trick, mit dem der Bösewicht nicht gerechnet hat. Also rechtzeitig die Waffe wegwerfen, wenn es zu einem Schwertkampf kommt.

- Hauptdarsteller kämpfen grundsätzlich ohne Helm, da es sonst keinen Oscar gibt für die dämlichste Modelfresse gibt.

- Statisten dürfen die Schutzwirkung von Rüstungen nicht in Anspruch nehmen. Trotz getragener Schutzkleidung gilt der erste Treffer immer als tödlich.

- Wurfmesser treffen immer mit der Spitze auf. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz.

- Trupps marschieren grundsätzlich im Gleichschritt und dem dazu passenden Sound. Auch im Wald oder auf sandigem Untergrund darf das Gleichschrittgeräusch niemals fehlen.

- Wenn eine Verfolgungsjagd nach oben führt, fällt immer einer runter.

- Der Tod eines Weggefährten ist mit einem affektierten Schrei gen Himmel und einer passenden Kameraeinstellung von oben zu drehen. (bevorzugt im Regen).

- Nach beendeter Quest dürfen die Helden die Unmengen von Gold und Schätze nicht bergen. Ihnen wird höchsten ein Obolus zugestanden.

- Helden haben in ihrer Kleidung gut auszusehen, auch wenn es albern ist, nur im String bekleidet einen Bunker am Nordpol auszuheben. Knappe Bekleidung ist auch im tiefsten Winter vollkommen ausreichend und das Normalste der Welt.

- Die Heldentruppe reist grundsätzlich ohne Gepäck und Proviant. Und ohne die Kleider zu wechseln. Einige tragen den ganzen Film über dieselben Klamotten, auch wenn die Handlung mehrere Jahre umfasst. Denkt mal darüber nach!

- Böse Kreaturen bewegen sich mit dreifacher Schallgeschwindigkeit. Huscht eine Kreatur schemenhaft vorbei, schafft sie es in weniger als zwei Sekunden das Opfer in einem weiten Bogen zu umlaufen, um dort nochmal vorbeizuhuschen. Das Vorbeihuschen gilt unter Monstern als unanständig, aber laut Drehbuch muß sich der Held an einem unheimlichen Ort mindestens einmal um die eigene Achse drehen, um eine angemessene Bedrohung zu simulieren.

- Kreaturen passen ihre Kräfte dem jeweiligen Hindernis an. Ein Monster kann mit Autos werfen, Bäume wie Stroh abknicken und tonnenschwere Hindernisse aus dem Weg räumen, aber sobald sich der Held hinter einer einfachen Holztür versteckt, schwinden die Kräfte der Kreatur, und die Tür hält länger stand, als sie sollte.

- Bogen und Armbrüste durchschlagen alles. Weil..., ist so.

- Selbst riesige Monster können sich hinter den dünnsten Zweigen verstecken, um ihre Opfer zu beobachten. Auch wenn die fünf Meter große Mörderbestie mitten im Sichtbereich des Helden steht und mit der Riesenpranke den Miniast hinunterdrückt, um noch viel besser zu sehen, als es schon der Fall ist. Allerdings funktioniert dies nur in Begleitung bedrohlicher Musik.

 

Soviel zu den Mechanismen historischer Filme und Fantasystreifen. Es gibt aber auch spezifische Stellen in Filmen, die wir aus irgendeinem Grund gesehen haben, auch wenn uns klar war, daß wir die verschwendete Zeit niemals wiederbekommen würden. Im Film „Gladiator“ werden vor dem Kolosseum in Rom gedruckte Flyer verteilt, oder der zwei Meter große, muskelbepackte, schwarze Mitgefangene stellt sich als armer Bauer aus dem Norden vor (wie zur Hölle haben dann die Krieger dieses Volkes ausgesehen), und in „Königreich der Himmel“ wehrt ein Krieger während des Kampfes in der Mauerbresche einen geworfenen, 100kg schweren Stein mit dem Schild ab (der Felsbrocken prallt einfach vom Schild ab und fliegt im hohen Bogen davon), aber das alles ist nichts im Vergleich zu all den Filmfehlern, die ihr uns schreiben werdet. Wir bedanken uns im Voraus und hoffen auf lustige Beiträge, aber wir bitten darum Filme aus moderner Zeit auszuschließen, da dies einfach zuviel des Guten wäre.