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„Sicher spinnen die Holmgänger, was aber nicht bedeutet, daß sie sich irren. Sie sind nur etwas verrückt und nicht geisteskrank.“

 

Rekonstruierter Kampfstil
Posen gehört zum Handwerk

Vorwort:

Wenn man sich die Frage stellt, wie es ausgesehen haben könnte, wenn die Wikinger zu den Waffen gegriffen haben, stößt man in der Schwertkampfszene auf folgenden Irrglauben: a) Die Quellenarmut läßt nicht eine einzige aussagekräftige Aussage zu. b) Man kann nur zu einem authentischen Ergebnis gelangen, wenn man sich gegenseitig umbringt, denn alles andere wäre unrealistisch. Dieser Irrglaube entsteht durch die Dominanz der historischen Fechter in der Schwertkampfszene, denn nach deren Meinung ist alles, was nicht schwarz auf weiß in den alten Fechtbüchern geschrieben steht auch nicht beweisbar. Das früheste Fechtbuch ist das Towerfechtbuch (Katalogbezeichnung I.33), und es wurde auf das Jahr 1300 n.Chr. datiert. Ohne den Geschichtsfans auf den Schlips treten zu wollen, aber wir müssen an dieser Stelle leider sagen, daß die Abbildung wirklich scheiße gezeichnet sind, weil die Maler damals Perspektiven oder menschliche Proportionen einfach nicht beherrschten. Wir stoßen bei den Fechtbüchern also auf schlechtgezeichnete Momentaufnahmen mit knappen Bildbeschreibungen. Und weil das Towerfechtbuch erst 1300 entstanden ist, werden die vorhergegangenen Jahrtausende der Schwertkampfgeschichte einfach ignoriert. Unglaublich aber wahr, aber so sieht es die heutige Schwertkampfgemeinschaft. Man kann als Archäologe der Zukunft nicht auf die Hausmannskost von Omis traditioneller Garküche schließen, wenn man sich auf eine 500 Jahre ältere Rezeptur von Mc Donalds beruft. Sowas geht einfach nicht. In der Archäologie hingegen ist man leider gewohnt mit wenigen Indizien und spärlichen Quellen zu arbeiten, denn viele Forschungsarbeiten gründen sich nun mal auf schwierigen Gegebenheiten, und nur selten hat man das Glück ein Schriftstück auszugraben, welches sich auch noch lückenlos übersetzen läßt. Würde man sich nur auf überlieferte Schriftquellen berufen, müßten wir zwei drittel der Publikationen aus den Bücherschränken wegwerfen und die Sammlungen der Staatsbibliothek auf den Müll werfen.

 

Was hat es aber mit der angeblich schwierigen Rekonstruktionsarbeit von Schwertkampftechniken auf sich, und warum gilt gerade dieses Thema als ein schier unlösbarer Mythos? Die Antwort ist gleichermaßen ernüchternd, wie einfach. Man möchte einfach nicht, daß ein Schwert zu einer gewöhnlichen und einfach zu handhabenden Waffe degradiert wird, weil Schwerter nunmal Kindheitsträume erfüllen und Filmgeschichte geschrieben haben. Mit einem Schwert in den Händen schlägt jedes Knabenherz höher. Ein Speer oder ein Bogen sind zwar auch ganz nett, haben aber längst nicht den gleichen „Fett-wie-geil-Effekt“. Wer ein Schwert besaß, outete sich als Krieger, und wer auch noch ein teures Schwert sein eigen nannte war cool und reich zugleich. Und was liebt ein „echter Mann“ über alles? Statussymbole natürlich! Die Klinge glänzt wie ein hochglanzpoliertes Auto vor der Auffahrt des auf 30 Jahre verschuldeten Eigenheimes, Griff und Knauf sind immer deutlich zu sehen und präsentieren, einer prolligen Armbanduhr gleich, den Reichtum in Form von kunstvoller Arbeit oder Edelsteinen. Zudem hat man auch noch eine Waffe zur Hand, die Eindruck und Respekt schinden soll. (Kleiner Witz am Rande: Woran erkennt man einen Wikingerreenactor? Seine Handrücken schleifen beim Gehen auf der Erde).

 

Ein Rabenschnabel oder eine Lanze erfüllen diese Kriterien nicht (auch wenn es kunstvoll ziselierte Silberlanzen gab), und genau deswegen gibt es auf der Welt keine gottgleichen Rabenschnabelkämpfer, die virtuose Techniken vorführen und reihenweise Bücher veröffentlichen. Was als nächstes kommt wird viele empören: Ein Schwert ist auch nur deshalb so beliebt, da es sich einfach handhaben läßt. Der Gebrauch dieser Waffe ist jedem zugänglich und die Einsatzmöglichkeiten sind beschaulich. Mit anderen Worten: Jeder Depp kann sich ein Schwert nehmen und in kürzester Zeit den Umgang damit erlernen. Gleiches ist mit einer Lanze zu Pferde, einem Sansetcukon oder einer Steinschleuder nicht möglich (tja, was zur Hölle ist ein Sansetcukon?) Oder können sie reiten und im vollen Galopp mit einer Lanze ein bewegliches Ziel treffen? Aber sie können sich durchaus ein Schwert greifen, sich ein paar Techniken zeigen lassen und problemlos beim Training mitmachen, ohne Gefahr zu laufen, daß ihr Hengst sich mit dem Nachbarpferd das Kappeln kriegt und sie nur eine Hand für die Zügel freihaben, weil die andere eine sperrige Lanze führen muß.

 

Seit über 6.000 Jahren werden Schwerter hergestellt mit denen man in einem Kampf genau drei Dinge tun kann. Stechen, hauen und eventuell schneiden. Das ist die Basis für das ganze Schwertkampfproblem. Wer sich hier vor einem unlösbaren Rekonstruktionsproblem sieht, sollte sich mal mit einem Quantenmechaniker unterhalten, sofern der sich nicht vorher totlacht. Frei nach dem Motto: „Ich weiß, daß sie gerade nach weiteren Anzeichen für die Supersymmetrie suchen, aber ich versuche hier herauszufinden, wie ein Wikinger ein Schwert benutzt haben könnte und stehe vor einer schier unlösbaren Aufgabe.“ Ein Schwert bleibt ein Schwert. Vorne befindet sich ein plattes Eisenstück, der weiter hinten von einem Griff gehalten wird. Fangen wir mit der Rekonstruktionsarbeit ganz elementar an. Wieviele Möglichkeiten gibt es ein Schwert zu halten? Genau, ganze zwei. Der gewöhnliche Schwertgriff sieht eine Handhabung mit der Spitze nach oben oder nach unten vor. Auch wenn Hollywood etwas anderes zeigt, die Variante mit der Spitze nach unten können wir guten Gewissens verwerfen. Bei einem solch einfachen Gegenstand kann man davon ausgehen, daß die Bandbreite der Anwendung in einem Kampf überschaubar ist, auch wenn die Japaner aus dem Schwertkampf eine abstrakte Wissenschaft machen wollten, indem sie alles künstlich aufgeblasen und abstrahiert haben, bis jede Daumenbewegung eine eigene Bezeichnung und ein eigenes Lehrbuch bekommen hat. Vergleichen wir doch mal das relativ primitive Schwert mit einer komplexen Waffe, wie einem Sturmgewehr, ein Gasdrucklader im Kaliber 7,62. Und selbst hier bleibt alles einfach und simpel. Auf wieviele verschiedene Arten können wir diese Waffe zum Einsatz bringen? Dem gewöhnlichen Infanteristen bleibt nur, die Waffe aus der jeweiligen Schützenposition heraus auf den Feind auszurichten und dann abzudrücken. Es ist vollkommen unnötig jede einzelne Schußposition mitsamt aller Variablen aufzulisten, diese zu benennen und daraus Katas zu machen. Wenn man es ganz kompliziert betrachtet, bleibt dem Schützen noch die Wahl zwischen Einzelschuß, einer Dreiersalve oder Dauerfeuer, je nachdem, was er per Hebelwahl einstellt. Der Longrangeschütze trifft auf viele hundert Meter (der momentane Rekord eines bestätigten Abschusses liegt bei 2.400m), ein Trickshooter, wie Bob Munden, zieht aus der Hüfte, feuert mit seiner Single-Action-Only vier mal innerhalb von nur einer Sekunde und trifft vier unterschiedliche Ziele und ein geübter BOPA zielt und trifft mit seinem Sturmgewehr während er läuft und gleichzeitig Deckung sucht. Aber das sind die wenigen Ausnahmen. Ein Standardinfanterist kann genau wie der durchschnittliche Schwertkämpfer nicht auf herausragende Fähigkeiten zurückgreifen, und selbst die japanischen Schwertheiligen haben selten mehr als vier Duelle überlebt. Ein Schwert ist und bleibt also nur eine gewöhnliche Waffe, ganz ohne Wunderwirkung und geheime Supertechniken, die man der Klinge so gerne entlocken möchte. Wer nun mit dem Beispiel kommt, daß ein geübter Schwertkämpfer zehn Mann aufwog, dem sein gesagt, daß jeder, der hart trainiert und jahrelang übt, ungeübten Gegnern immer weit überlegen ist. Das gilt für den Schwertkampf, aber auch fürs Reiten, Laufen, den Speerweitwurf und leider auch für geselliges Komasaufen.

 

Die Rekonstruktion von Schwertkampftechniken gestaltet sich also recht unproblematisch, da das Testobjekt nicht sehr komplex ist. So wie man einen ausgegrabenen Bodenfund, wie einen Schuh, eine Pfanne oder ein Messer einem Zweck und den damit verbundenen Tätigkeiten, sowie improvisierten Handlungen zuordnen kann, ist dies auch mit einem Schwert möglich. Also: hauen, stechen und schneiden, wobei man auch mal vorne anfassen kann, um den Griff als Keule oder die Parierstange als Hacke zu verwenden (Mordschlag). Es ist ebenfalls möglich das Schwert wie einen gewöhnlichen Stock zu benutzen (Harnischfechten oder Harnischringen) oder mit dem Knauf auf irgendetwas einzuschlagen. Was so gnadenlos banal und unkompliziert klingt, wird in der Welt des historischen Fechtens als Beispiel meisterhafter Schwertkampfkünste verstanden (siehe Fechtmeister Czynner). Da es sich beim Schwert um einen fast magischen Gegenstand handelt, will man häufig nicht akzeptieren, daß man der Geschichte relativ mühelos die Geheimnisse entreißen kann, wenn man einigen Dingen auch mal einen banalen Zweck zugesteht. Es kommt allerdings auch vor, daß nicht immer alles praktisch verwertbar oder gar logisch sein muß. Wenn Archäologen einer Alienrasse in ferner Zukunft auf unserem Planeten landen und bei ihren Ausgrabungen hochhackige Schuhe, den überdimensionierten Heckspoiler einer 75PS starken Tuningbude oder einen Golfplatz samt Löcher findet, werden sich zwangsweise seltsame Fragestellungen ergeben. Wir sollten also nicht den Fehler begehen und alles der Logik oder einem Sinn unterwerfen zu wollen. Wie gesagt, ein Schwert ist ein Schwert, und nicht umsonst ähneln sich die Schwertkampftechniken verschiedener Kulturen so sehr, daß auch für den ungeübten Beobachter und Laien Parallelen leicht zu erkennen sind.

 

 

Teil 1 - Rekonstruktionsfehler

 

Das waren einige theoretische Ansätze. Bevor wir aber zu den Ergebnissen kommen, wollen wir kurz erläutern, warum alle anderen Rekonstrukteure bisher versagt haben. Schauen wir uns einen typischen Wikingermarkt an, finden wir vorwiegend kleine, kerbenlose Rundschilde und Schwerter. Die Primärwaffen der Wikinger waren jedoch höchstwahrscheinlich große Rundschilde (bis 112cm, bei nicht wesentlich kleinerer Körpergröße als heutige Menschen), Messer, Speere und natürlich Äxte. Der Gebrauch der Miniaturrundschilde und Superleichtschwerter in der modernen Wikingerszene haben eine einfache Bewandtnis. Es ist ohne viel Training und bei schlechter konditioneller Verfassung jedem möglich diese Ausrüstungsgegenstände zu benutzen. Schwerter mit extremer Hohlkehlung und einem Gewicht von manchmal nur 800 Gramm (siehe Schwerter des Herstellers Paul Chen) sind mühelos zu führen, und es ist auch kein eisenharter Bizeps nötig, um einen Rundschild mit maximal 70cm Durchmesser über längere Zeit zu halten. Die Wikinger bevorzugten aber schwere Waffen und haben im Laufe der Zeit ihre Arbeitsäxte zu wuchtigen Bartäxten weiterentwickelt, um den wachsenden Anforderungen auf dem Schlachtfeld gerecht zu werden. Der vermehrte Einsatz von Wuchtwaffen ist ein typisches Indiz für das bekannte Wettrüsten zwischen Panzerung und Waffenwirkung. Wann immer eine Schutzvorrichtung verbessert wurde, gab es auch bald darauf die passende Antwort. In der modernen Kriegsführung sind wir bei Keramikschicht-, Verbundpanzerungen und Mehrfachhohlladungen angelangt, und eine Stagnation bei der Entwicklung von Waffentechnologien dieser Art ist nicht abzusehen. Erst als Schußwaffen mit Treibladungen das Schlachtfeld dominierten, wurde der mittelalterliche Körperpanzer nutzlos, dies geschah jedoch erst viele Jahrhunderte nach dem Wikingersturm, zu der Zeit, als die gotische Rüstung den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht hatte. Alle Waffenfunde, Indizien und Quellen über Kampfhandlungen deuten darauf hin, daß die Wikinger Waffen mit erhöhter Durchschlagskraft und Wucht bevorzugt haben.

 

Die selbsternannten Profis, die sich als Könner im Umgang mit Schild und Schwert proklamieren, haben jedoch ein kleines Problem mit dem sie jüngst konfrontiert werden. Die Theorien über ihre eigenen, völlig abstrusen Vorstellungen des Rundschildkampfes können nicht im Ansatz belegt werden, denn historische Fechter, Wikingerreenactor oder Huscarlfechter sind noch nie dabei beobachtet worden, wie sie Äxte mit voller Wucht und ungebremster Geschwindigkeit gegen einen Gegner eingesetzt haben, der sich zudem noch mit unabgesprochenen Aktionen erwehrt hat. Ein solch realistisches Szenario ist nämlich das genaue Gegenteil von dem, was man in Fechtstunden, auf Seminaren und in den Workshops erleben kann. Renommierte und hochangesehene Vereine wie Hammaborg, Schildschlag, die Jomsvikings oder Einwic haben die Rekonstruktionsmethoden von Holmgang Hamburg öffentlich als „Humbug“ und „pubertäres Gedresche ohne Technik“ bezeichnet, ohne sich überhaupt erkundigt zu haben, wie wir vorgegangen sind. Es galt den mühsam etablierten Wissenstand zu schützen und unbequeme Fragen zu vermeiden. Deren Experimente mit adipösen Pseudowikingern und nerdigen Fechtfreaks, die anscheinend das Schwert für die Hauptwaffe der Wikinger halten, sind völlig fernab historischer Fakten und ergeben eine Versuchsanordnung, die von einem realistischen Szenario nicht weiter entfernt sein könnte. Sicher, man kann ein heiliges Relikt daraufhin untersuchen, ob es sich bei einem Holzsplitter um einen Teil der Arche Noah handelt oder ein ganzes Team von Wissenschaftler damit beauftragen das weltweit elf mal vorkommende Sanctum Praeputium (die heilige Vorheut Jesu, die nicht mit in den Himmel aufgefahren ist) auf Echtheit zu überprüfen. Muß man aber verdammt noch mal nicht tun, weil das verfickte Resultat schon von vornherein klar ist.

 

Üblicherweise versucht man bei Experimenten möglichst realistische Parameter zu wählen. Probanten, die körperlich nicht fähig sind 30 Minuten lang zu rudern und danach ein Rundschild in den Kampf zu tragen, kommen demnach für die Rekonstruktion des frühmittelalterlichen Rundschildkampfes schlichtweg nicht in Frage. Eine schußsichere Weste wird zu Testzwecken ja auch mit echter Munition beschossen und nicht mit Smarties beworfen. Und den Umgang mit Rundschilden rekonstruiert man nun mal mit scharfen Äxten, in voller Kampfgeschwindigkeit und mit beweglichen Zielen, also Mann gegen Mann, und nicht nach Art der Reenactor, in Zeitlupe, mit fettleibigen Wikingerplagiaten und 800 Gramm leichten Schwertimitaten ohne Schneide. Die Rekonstruktionsmethoden unserer Vorgänger sind absolut realitätsfern und so sinnvoll, wie die Zubereitung einer Pizza in einem Wok. Die bisher publizierten Arbeiten über den Kampfstil der Wikinger wurden von Leuten verfaßt, die langjährige Erfahrungen im Fechten hatten und sich mit den historischen Fechtbüchern und Manuskripten sehr gut auskannten. Und genau damit war der Weg für die größte Blamage in der Geschichte des Mittelalterszene geebnet. Als diese Schädlinge sich dem Kriegshandwerk der Germanen widmeten, ließen sie den gesamten Inhalt aller Fechtbücher und moderner Kampftechniken in ihre Rekonstruktion einfließen, eben weil sie historische Fechter waren und unbedingt einen Bezug zwischen den alten „Fechtmeistern“ und dem Umgang mit Rundschilden erzwingen wollten. Wenn ein gelernter Handwerker in seiner Freizeit eine historische Mongolenjurte nachbaut, verwendet er doch auch keine Spaxschrauben und Kabelbinder, nur weil er es aus dem Berufsleben gewohnt ist.

 

Aber der Schaden wurde bereits angerichtet, und plötzlich wird in den Foren über festgelegte Schrittfolgen beim Schwertkampf und Stichdiagramme diskutiert. Ein Ergebnis: Jeder Vollzeitwikinger steht mit dem linken Bein vorne, weil Beintreffer grundsätzlich verboten sind. Und weil Dummheit keine Grenzen kennt und alle nur Geschichtsbücher vom Thaliagrabbeltisch lesen, begegnen wir dieser Kampftechnik in jedem Hollywoodfilm, vom Vampirliebesdrama, bis hin zur Erstürmung Jerusalems.

 

Die Techniken aus den Fechtbüchern auf die Schwerter der Wikinger übertragen zu wollen, zweckentfremdet das Kriegsgerät. Die Beschaffenheit einer Waffe richten sich nach Material, Verfügbarkeit, Wert, Einsatzort, Einsatzart, Zielobjekt, dem kulturellen Hintergrund und der damals üblichen Nutzungsweise. Was die historischen Fechter oder Neuzeitwikinger in ihrer Ungeschicklichkeit probieren, gleicht dem Auslöffeln einer Suppe mit einer Gabel. Zu jedem Instrument gehört eine passende Anwendung, oder wie in diesem Fall, eine passende Technik. Mit genügend Übung ist es durchaus möglich virtuose Schwerttricks zu erlernen, anfliegende Physalis in der Luft zu zerteilen, einen Kerzendocht zu kappen oder die Klinge wie ein Tambourmajor umherwirbeln zu lassen, aber auch wenn jemand den Hummelflug auf der Halbtonklappenharfe spielen kann oder sich mit einem Rollstuhl über den Atlantik treiben läßt, ist dies kein Beweis für eine historische Anwendung! Um den Kampfstil der Wikinger rekonstruieren zu können, braucht man also historisch gefertigte Rundschilde in voller Größe, scharfe Äxte nach geschichtlichen Vorbildern und einige schmerzbefreite Probanten, die willens sind im Namen der Wissenschaft ihr Blut zu vergießen (oder wenigstens ein wenig davon). Feldforschung benötigt nun mal unerschrockene Pioniere.

 

 

Teil 2 – Wie haben die Wikinger gekämpft

 

Es war nicht allzu schwierig die Axt- oder das Schwerttechniken zu ergründen, denn mit einer „Hobbittür“ in der anderen Hand waren die Angriffsmöglichkeiten relativ limitiert. Eine Axt oder andere schwere Waffe „läßt man fliegen“ und nutzt ihren Schwung für kommende Aktionen, wobei immer bedacht werden muß, daß nur vom Axtblatt eine direkte Gefahr ausgeht. Die Axt ist eine anspruchsvolle Waffe, deren Handhabung viel schwerer zu erlernen ist, als die eines Schwertes, sofern die Kampfpartner überhaupt bereit sind, sich einer Wuchtwaffe zu stellen. Es ist nicht einfach die Masse eines Axtkopfes zu kontrollieren, da der kraftvolle Schwung jederzeit abrufbar sein muß. Gleichsam ist es aber auch wichtig keine unnötig großen und damit vorhersehbaren Bögen zu beschreiben, und es bedarf auch einiger Geschicklichkeit den Axtkopf präzise ins Ziel und den Schaft rechtzeitig zum Parieren zwischen sich und der anfliegenden Waffe zu bringen. Eine schnelle Beschleunigung oder ein plötzliches Abbremsen ist mit Wuchtwaffen fast unmöglich.

 

Der Rundschild hingegen hat uns besondere Probleme bereitet und über ein Jahr intensives Training abverlangt, bis der Schildarm die benötigte Kraft aufbringen konnte, um das Kriegsgerät führen zu können. In der Kombination mit der Axt entstand eine asynchrone Kampfweise, bei der Waffen- und Schildhand völlig  unabhängig voneinander agierten und reagierten, aber jederzeit zu gemeinsamen Aktionsabläufen verknüpft werden konnten. Abwehr und Angriff gab es nicht. Man war ständig dabei beides zu tun, und häufig waren Schild und Waffe gleichzeitig mit unabhängigen und zeitlich leicht verzögerten Angriffen auf unterschiedliche Trefferzonen beschäftigt, um dann wieder gemeinsam eine Deckung aufzubauen. Es ist durchaus üblich mit der Waffe zu parieren, damit ein Schildschlag angebracht werden kann, aber der Holzschaft hält im unverstärkten Zustand nur einer begrenzte Anzahl von Hieben mit Klingenwaffen statt. Zur Kampfesweise kamen noch eine Reihe von Kombinationsangriffen und die permanente Bewegung. Man stand nur selten still und manövrierte sich stetig mit großen Schritten und kreisförmigen Bahnen um den Gegner, näherte sich für Kombinationsangriffe, zum Täuschen oder brachte sich außerhalb der gegnerischen Reichweite und ließ den Schild hängen, damit sich der Arm erholen konnte. Angriffe, Abwehr und Finten konnten problemlos während einer rückwärtigen Seitwärtsbewegung ausgeführt werden. Es gab keine festgelegten Schrittfolgen, weil sich der Gegner einen Dreck um lehrbuchmäßige Bewegungen und Fußstellungen schert. Es gibt nur den festen Stand während der Bewegung, was paradox klingt aber durchaus nicht widersprüchlich ist. Im Gegensatz zu den Schwertballerinas, müssen Holmgänger ihre Verteidigung aufrechterhalten und kraftvoll angreifen können, wenn sie straucheln, in die Ecke gedrängt oder gleichzeitig über ein Hindernis getrieben werden, denn sonst trifft die gegnerische Axt mit voller Wucht auf die nackte Brünne und bricht einem den Kiefer. Stand man einem Rechtshänder gegenüber, stellte man sein linkes Bein weit zurück, um die Trefferwahrscheinlichkeit deutlich zu senken. War der Gegner ein Linkshänder oder wechselte er im Kampf die Waffenhand, so wechselte man auch die eigene Auslage. Ein weiterer Effekt war die Erhöhung der Reichweite, wenn die Schulter der eigenen Waffenhand auf gleicher Höhe oder sogar ein wenig weiter vorne positioniert war. Die Verdrehung des eigenen Körpers war anfangs ungewohnt, wurde aber schnell und intuitiv übernommen. Die typische Haltung mit dem linken Bein unter dem Schild, ist also ein Anzeichen für Kämpfer, die mit „Zero-Damage-Weapons“ fechten und keine schweren Treffer kennen.

 

Befindet man sich unmittelbar im Waffenradius des Gegners, geht man in eine Abwehrposition, die akademische Fechter als „leicht verhangene Auslage“ kennen. Dabei hebt sich die Waffenhand bildet mit der Schwertklinge oder dem Axtstil eine Art Dach, die von schräg hinten, über den Kopf hinweg, diagonal auf die Schildoberkante führt, wo sie dann aufliegt. Somit hätten wir eine Grundstellung, die Beintreffer erschwert, seitliche Angriffe durch das Schild gedeckt sind und Hiebe von oben ohne Zutun des Kämpfers automatisch pariert werden. Durch die Unterstützung des Schildrandes können auch wuchtige Axthiebe mühelos abgewehrt werden, wobei seitlich hereinkommende Schläge durch das aufliegende Schwert keine Lücke finden. Der Sichtkontakt zum Gegner mußte in allen Situationen aufrechgehalten und durfte nur für die kurze Dauer einzelner Aktionen unterbrochen werden. Diese Grundstellung ergab sich instinktiv und war nicht theoretisch konstruiert. Eingehende Stiche und Hiebe konnten mit knappen Schildbewegungen vereitelt werden. Befand man sich außerhalb der Waffenreichweite, gab man die Grundstellung kurz auf und entspannte seine Muskeln. Während des Kampfes weicht man mit zügigen Schritten bogenförmig nach hinten aus, wodurch der Gegner zum zügigen nachsetzten gezwungen wird, wenn er auf Kampfdistanz bleiben will. Das oberste Ziel lag darin, nicht getroffen zu werden und unbeschadet aus dem Kampf hervorzugehen. Der relativ leichte Körperschutz wurde durch den Rundschild kompensiert, nur trug man den effektivsten Teil der Panzerung nicht am Leibe, sondern führte sie mit der Schildhand. Da die gegnerische Deckung höchst selten mit nur einem Streich zu durchbrechen ist, muß man Angriffsserien planen, um die Deckung aufzustemmen oder zu umgehen. Wenn sich während einer Angriffskombination Lücken auftun, schlagen sofort Schildkantenschläge, Hiebe oder Stiche mit der Primärwaffe in die Bresche, wobei die eigene Defensive niemals vernachlässigt wird. Ein Kampf zweier, geschulter Kombattanten, die Rundschilde führen, kann man als Multitaskingschlacht bezeichnen. Um so kämpfen zu können bedarf es jedoch unzählige Stunden der Übung. Der Rundschild ist eine Waffe, der man sich intensiv widmen muß. Es nützt einem wenig sich mit Zirkel- oder Lauftraining auf den Rundschild vorbereiten zu wollen. Um dieses Gerät zu meistern, hilft nur die ständige Praxis im Vollkontaktmodus und vielleicht gelegentliche Besuche in einem Mosh Pit. Die Schildfessel verhindert das Festnageln des Unterarmes bei Pfeilbeschuß und befähigt einem zu einer verhaßten Angriffsoption: dem Schildkantenschlag. Es können kurze Geraden, sowie ausholende Schwinger ausgeteilt werden, die durch die starre Schildfessel (Griff) die Geschwindigkeit eines Faustschlages mit der Masse des Schildes vereinen. Wenn eine 5-6 kg schwere Schildkante durch die Deckung schlüpft und mit voller Wucht in den eigenen Helm kracht, ist man nicht selten einem technischen K.O. nahe, und genau in diesem Moment ist die gegnerische Waffe, ein Tritt oder ein zweiter Schildschlag auf dem Weg, um einen von den Beinen zu holen. Verringert sich die Kampfdistanz auf ein Minimum, kann sofort in den Bodenkampf gewechselt werden, bei dem Sekundärwaffen zum Einsatz kommen, und auf weite Distanzen wird nicht selten mit allem geworfen, was man gerade zur Hand hat. Und während der Dauer des Kampfes gilt es nicht nur zu überleben und Treffer zu verhindern, sondern man muß höllisch gut mit seinen Kräften haushalten. Die Schutzausrüstung hält ab, was sie abhalten kann, und eine Verwundung bedeutet nicht immer das Ende des Kampfes. Man kämpft solange wie man stehen kann oder zieht sich zurück, um in der nächsten  Plündersaison zurückzukehren. Dabei ist die Kondition mit der bedeutendste Faktor, denn wenn die Konzentration und Kraftreserven schwinden, bedeutet dies den sicheren Tod. Sollte dieser Fall eintreten oder der Schild brechen, bleibt einem nur der heroische Moment oder die Flucht, denn um etwas von der Beute zu haben, muß man fähig sein sie ausgeben zu können.

 

Die Unterschiede zu bisherigen Rekonstruktionsversuchen sind ersichtlich. Bisher glaubte man an pfiffige Einzelaktionen und schöne Moves, bei denen Schnitte und galant gesetzte Stiche den Gegner außer Gefecht setzen. Zudem gehen fast alle von der schlechten Ausrüstung und fehlendem Körperschutz aus, was wir an anderer Stelle berichtigen müssen. Es gab nicht nur Kettenzeug und Stahlplatten. Die Bandbreite gefundener Schutzmaßnahmen ist so vielfältig, daß man dem ein ganzes Buch widmen könnte. Nur weil auf einem Mittelaltermarkt der Helmtyp X tausendfach vorkommt und die etwas schrägen und uncoolen Funde nicht so schick aussehen, bedeutet es nicht, daß es sie nicht oder selten gegeben hat. Es wird uns auch oft vorgehalten immer nur den gegnerischen Schild zu attackieren, aber beim „normalen“ Kampfsport verhält es sich nicht anders. Die Deckung steht und muß erst überwunden werden, um einen klaren Treffer zu erzielen. Fällt die Deckung eines Boxers, reicht oftmals ein einziger Haken, um den Gegner „auszuknocken“. Aber bis dahin sind 90% der Schläge abgefangen worden. Wenn es jemandem mit einem einzigen, gezielten Streich gelingt die Deckung zu überwinden, hat man etwas grundlegend falsch gemacht. Die etablierten Schwertkampfschulen benutzen niemals Äxte, die schnell und wuchtig geführt werden. Sie üben ausschließlich mit extrem leichten Klingen und meist sehr kleinen Schilden. Schildkantenschläge, Stiche, Kopfnüsse, Tritte und der Bodenkampf gehören ebenfalls zum Tabu, wobei sich die Frage stellt, was vom Kriegshandwerk noch übrig bleibt, wenn man 90% der damals üblichen Praktiken verbietet. Daher ist ihnen vieles fremd, und sie tun sich sichtlich schwer aus dem gewohnten Tippitappikampfsystem auszubrechen.

 

Unser Ergebnis zeigt eine Form kontrollierter Brutalität, die von Finten, kraftvollen Angriffen und ständigen Ausweichbewegungen dominiert wird. Man bekämpft gezielt Schwachpunkte, wie Hände, Knie oder ungeschützte Oberschenkel. Den Kampfstil kann man als defensiv und wuchtig umschreiben. Geschicklichkeit und Muskelkraft gehen einher, wobei alle Tricks erlaubt sind, die den Kampf erst komplettieren und wirklich interessant werden läßt. Verschiedene Waffengattungen werden gleichzeitig oder in Kombination eingesetzt, das umgebene Terrain wird genutzt, und wenn die Sonne tief steht, versucht man diese im Rücken zu haben. Die Klingen können geschwärzt und es darf mit Erde geworfen werden. Die Szenerie in einer Vollkontaktarena ist beeindruckend. Axtblätter verfehlen ihr Ziel oder krachen in Schilde, der Lärm ist immens und das schwerfällige Atmen der Kämpfer deutlich hörbar. Während der Angriffsserien umkreisen sich die Kontrahenten, unternehmen Störaktionen und suchen nach Schwachstellen in der Deckung, die sie durch Täuschungen oder kombinierten Attacken erzwingen, und immer wieder wird der Schild mit brutaler Wucht als Waffe eingesetzt.

 

So sieht das Kriegshandwerk der Wikinger aus. Den Beweis haben wir mit gebrochenen Knochen und vergossenem Blut erbracht. Man mag zweifeln, aber wir verlangen von jedem Kritiker, daß er seine Theorien in einem Axtkampf ohne Regeln unter Beweis stellt und nicht, wie hierzulande üblich, in einem Forenthread diskutiert und dabei möglichst oft Tsun Tzu zitiert.